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Jugenderinnerungen

Eine Dorfstraße im hellen Sonnenlicht, der Geruch von frisch gemähtem Gras, keine Geräusche bis auf das Zwitschern von Vögeln und das leise Rauschen der Blätter in den alten Bäumen ringsum.

Kurz bleibe ich stehen und genieße diesen Moment der absoluten Entspannung. Bilder entstehen in meinem Kopf, Erinnerungen werden wach. Vor 38 Jahren,  eine Dorfstraße wie diese, neben mir meine beste Freundin, wir reden über den bevorstehenden (für uns ersten) Discoabend und kichern. Zwischen uns schnaubt ihr Pony, irgendwo kräht ein Hahn.

Je älter ich werde, desto öfter erinnere ich mich in bestimmten Situationen an Erlebnisse aus meiner Jugend oder Kindheit. Oft reicht ein bestimmter Geruch, eine Melodie, eine Begebenheit, eine Redensart oder einfach ein Moment wie der oben beschriebene.

Liegt das an meinem Alter? Erinnert man sich mehr an längst vergangene Zeiten, je älter man wird? Ich bilde mir ein, dass mir das erst seit ein paar Jahren passiert. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich völlig in Gedanken versunken an Situationen oder Geschehnisse aus früheren Jahren denke und diese Revue passieren lasse.

Meist sind es schöne Erinnerungen, mitunter auch traurige oder sehr emotionale. Plötzlich zum Beispiel ist es, als wäre ich mitten in einem heftigen Streit mit meiner besten Freundin. Oder ich sehe Szenen aus meiner Schulzeit vor mir und fühle mich genauso hilflos, als würde ich in diesem Augenblick an der Tafel stehen und hätte keinen blassen Schimmer, wie die Matheaufgabe nun zu lösen ist.

Vor einigen Wochen waren wir zum Geburtstag bei meiner Freundin aus Kindertagen eingeladen. Sie wohnt in einem kleinen Dorf bei Schleswig. Dort habe ich schon vor vielen Jahren etliche Wochenenden in dem Ferienhaus ihrer Eltern verbracht. Mittlerweile hat sie selbst drei fast erwachsene Kinder und bewohnt ein eigenes Haus am Ende des Dorfes.

Da sie ca. 140 Kilometer von uns entfernt wohnt, lud sie uns ein, in dem alten Ferienhaus ihrer Eltern zu übernachten und am nächsten Tag nach einem gemeinsamen Frühstück wieder nach Hause zu fahren. Ich freute mich nicht nur auf sie, sondern auch auf die Menschen, die ich viele Jahre nicht gesehen hatte.

Beim Betreten des Ferienhauses fühlte ich mich spontan in mein 15. Lebensjahr zurückkatapultiert. Ich sah mich mit ihren Eltern beim gemeinsamen Frühstück an dem alten Kiefernholztisch sitzen. Dachte an unsere durchquatschten Nächte in dem winzigen Zimmer, ich auf der Gästematratze, meine Freundin in ihrem Bett liegend. Es kam mir vor, als wäre es erst gestern und nicht vor vielen, vielen Jahren gewesen.

Letzt stand eine Frau vor mir an der Supermarktkasse, sie roch nach dem Parfum meiner Großmutter. Sofort fiel mir ein, wie aufgeregt ich als Kind immer war, wenn ich mit meiner Omi auf den Wochenmarkt gehen durfte. Nicht nur, weil ich jedes Mal eine Tüte Salmiakdrops an dem Süßigkeitenstand bekam, ich fand dort alles total spannend und fühlte mich wie in einer fremden Welt.

Als vor einiger Zeit ein Spielmannszug durch unser Dorf zog, kamen mir spontan die Tränen, weil ich daran denken musste, wie sehr mein Vater diese Klänge mochte. Genauso gerne, wie Marschmusik übrigens. Als ich klein war, saß ich so manches Mal auf seinem Schoß und während aus den Lautsprechern des Plattenspielers der Radezkymarsch tönte “dirigierten” wir dazu was das Zeug hielt.

Der Klang von Pferdehufen auf Asphalt erinnert mich unwillkürlich an meine ersten kläglichen Reitversuche. Ein kleines dickes Shetlandpony, ich oben drauf und keinen Schimmer, was ich machen sollte, außer mich irgendwie oben zu halten. Da war ich ungefähr acht Jahre alt und meine armen Eltern mussten mit mir und meinem felligen Freund bei bestem Sommerwetter durch die Feld- und Wiesenlandschaft von Lüchow-Dannenberg laufen.

Meine Freundin aus Kindertagen sagte letzt zu mir, dass sie so glücklich wäre, dass unsere Freundschaft seit so vielen Jahren hält. Denn ich sei die einzige (außer ihren Geschwistern), mit der sie noch alte Erinnerungen teilen könne. Wenn man außenstehenden Menschen von Erlebnissen berichtet, die sie nicht selbst erlebt haben, ist das so, als würde man nur eine Geschichte erzählen. Wenn wir uns über diese Dinge unterhalten, erleben wir alles noch einmal.

Vorher habe ich mir darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich ihr Recht geben. Wenn ich an die vielen Geschichten meiner Großmütter oder Eltern denke, die sie mir erzählt haben. Ich hörte zwar interessiert zu und fand es faszinierend, was sie alles erlebt hatten, aber so richtig vorstellen konnte ich es mir nicht.

Ich möchte all diese schönen, emotionalen, traurigen und manchmal auch unbedeutenden Erinnerungen nicht missen. Auch glaube ich, dass ich viele Dinge heute erst richtig zu schätzen weiß, wenn ich an sie erinnert werde. Die vielen Momente, die ich früher so “nebenbei” erlebt habe, bekommen heute in meinen Erinnerungen eine tiefe und wichtige Bedeutung. Und ich hoffe, dass ich später, wenn ich “richtig” alt bin, noch viele weitere Erinnerungen mit Menschen teilen kann, die sie mit mir zusammen erlebt haben.

One Comment

  • smilane

    … das erlebe ich auch immer wieder, wenn ich “nach Hause” fahre. Außer meiner Familie sind mir zwei Menschen aus meiner Kindheit bis heute geblieben. Zwei, mit denen ich all meine Jahre seit dem Kindergarten teile. Das sind die wertvollsten Begegnungen für mich. Menschen, die einen durchs bisherige Leben begleitet haben. Und selbst füŕ die Beiden, die all die Jahre vor Ort geblieben sind, sind es wichtige Kontakte die wir miteinander pflegen. Kontakte/ Freundschaften mit “Vergangenheit und Tiefgang”. Schön, wenn so etwas existiert. Aber du hast Recht, das Bewusstsein und die Wertschätzung kam bei mir auch erst ab einem gewissen Alter.
    Kürzlich äußerte meine 21jährige Tochter etwas in dieser Richtung. Sie bedauerte es, keine Kontakte aus Kinderzeit zu haben, niemand der sie “durchs Leben” begleitet, da wir zu oft umgezogen sind.
    Ich wünsche dir viele schöne Erinnerungsmomente 🌞

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