Die letzten Wochen im Zeitraffer


Allgemein / Montag, Juli 30th, 2018

Verzeiht mir, dass ich mich mal wieder ein bisschen rar gemacht habe. Wir haben etwas turbulente Wochen hinter uns und ich bin einerseits nicht zum Schreiben gekommen, andererseits hatte ich manchmal auch einfach nicht den Kopf frei dafür.

Dafür gibt es heute die Zusammenfassung der letzten Wochen, wieder einmal frei nach dem Motto “was bisher geschah”:

Als Erstes möchte ich Euch dafür danken, dass Ihr an meiner ausstehenden Diagnose für Bein und Arm so intensiv teilgenommen habt. Einige von Euch haben mich per E-Mail angeschrieben und sich nach dem Ergebnis erkundigt, andere haben liebe Kommentare hinterlassen. Das hat mich wirklich sehr gefreut.

So ganz salopp formuliere ich mal, mein Bein ist dran und bleibt es auch. Der linke Arm wurde ebenfalls nicht operiert. Meine Chemotabletten und der Strahlenapparat haben ganze Arbeit geleistet. Wann und in welcher Form der rechte Unterarm operiert wird, weiß allerdings immer noch niemand. Der Tumor ist nach wie vor fest im Muskelgewebe verankert und eine Entfernung würde definitiv meine rechte Hand – vermutlich dauerhaft – lahm legen. Das wollen weder meine Ärzte noch ich. Zum Glück halten auch hier die Tabletten das kleine Krustentier in Schach, so dass es wenigstens nicht weiter wächst.

Das heißt, an der Krustentier-Front kann ich mich erst einmal ein wenig entspannen. Bis zur nächsten Diagnose schiebe ich also quasi das Thema Sarkom erst einmal zur Seite.

Weniger schön sind zwei neu hinzugekommene Gesundheits- oder vielleicht sollte ich lieber sagen Krankheitsthemen. Aufgrund anhaltender Schmerzen in den Gelenken habe ich mit meiner Hausärztin gesprochen. Sie ist zum Glück eine sehr fähige Medizinerin und hat nach einigen Tests (Triggerpunkte etc.) die Diagnose Fibromyalgie gestellt. Diese Erkrankung ist wohl gerade bei Tumorpatienten (und insbesondere bei Sarkompatienten) sehr verbreitet. Damit blieb mir zumindest, wie so manchem Patienten mit dieser Erkrankung, eine Odyssee durch verschiedene Arztpraxen erspart. Was leider nichts an der Tatsache ändert, dass ich permanent Schmerzen habe. An einigen Tagen etwas weniger, an anderen Tagen sehr intensiv. Auch das Brennen in den Gelenken (hier vor allem die Finger) ist sehr unangenehm. Ganz blöd an der ganzen Sache ist auch, dass meine Finger nicht nur weh tun, sie sind auch noch geschwollen und mein Ehering passt nicht mehr.

Sicherlich kann man sagen, ach wenn es nichts Schlimmeres ist, mein Mann weiß auch ohne Ring, dass ich ihn liebe. Aber für mich bedeutet es einmal mehr, dass meine Krankheit mich in meinem normalen Leben (und sei es an vielleicht noch so unbedeutenden Stellen) einschränkt. Und ich kann nichts dagegen tun.

Die zweite Hiobsbotschaft kündigte sich mit schnöden aber heftigen Zahnschmerzen an. Natürlich abends, natürlich außerhalb der Sprechzeiten jeglicher Zahnarztpraxen. Es fing ganz harmlos an, am späten Nachmittag reagierten zwei meiner vorderen Zähne im Unterkiefer leicht unwirsch auf “Beißkontakte”. Bis zum Abend steigerte sich dieser Zustand so weit, dass ich schließlich auf zwei Schmerztabletten mit der Stärke 600 zurückgreifen musste. Da ich ein echter Feind von Schmerzmitteln in jeglicher Form bin und die Einnahme immer bis zum Äußersten hinauszögere, zog mein Mann hier schon besorgt die Augenbrauen hoch. Danach hatte ich wenigstens, bis auf das unterschwellige Pochen in meinem Unterkiefer, Ruhe. Am nächsten Morgen suchte ich unseren im Dorf ansässigen Zahnarzt als Notfallpatientin auf. Zu meinem vertrauten Zahnarzt in Hamburg konnte ich leider nicht, da wir zu diesem Zeitpunkt kein Auto hatten (dazu später mehr). Ich muss dazu sagen, das Wort Zahnarzt löst bei mir Schweißausbrüche und leichte Panikattacken aus. Und dann auch noch “völlig unvorbereitet” zu einem neuen Zahnarzt. Ich brauche wohl nicht weiter darauf hinzuweisen, wie heftig meine Zahnschmerzen waren.

Lange Rede, kurzer Sinn. Der Arzt ist toll, ich werde dort bleiben. Das Ergebnis seiner Untersuchung jedoch zog mir mal wieder den Boden unter den Füßen weg. Nach eingehendem Röntgen des Kiefers stellte er eine Wurzelentzündung fest. Seine Einschätzung, beide Zähne seien sowieso tot, daher würde er mir beim Aufbohren keine Spritze geben müssen (darauf bestehe ich IMMER…), widerlegte die “Kälte-Reaktionsprobe” umgehend. Sichtlich erstaunt schaute er mich an und erklärte, das sei jetzt ein medizinisches Phänomen. Ein weiterer Blick auf das Röntgenbild ließ ihn stutzen. Die Entzündung säße auch viel zu weit unten, als dass es die Wurzel betreffen könnte, außerdem waren die Zähne leicht locker. Nach eingehender Schilderung meiner Krankengeschichte verließ er das Behandlungszimmer und kehrte wenige Minuten später mit einem eilig vereinbarten Termin bei dem nächstgelegenen Kieferchirurgen zurück. Beide Ärzte waren sich einig, es könnte ein Tumor im Kiefer sein. Das sollte sofort am Montag (da es schon Freitagmittag war, ging es nicht am gleichen Tag) mit einem 3D-Röntgenbild und einem MRT abgeklärt werden. Das Wochenende verbrachte ich mehr oder weniger entspannt, auch maßgeblich beeinflusst durch Einnahme hochdosierten Schmerzmittels, auf unserem Balkon.

Auch der Kieferchirurg ist spitze und auch dort würde ich immer wieder hingehen, das einmal vorweg. Die Diagnose fiel weit weniger dramatisch aus, als noch am Freitag gedacht. Kein Tumor, keine Knochenmetastasen. Aber, und das finde ich jetzt fast genauso dramatisch, mein Kieferknochen ist – vermutlich durch die Einnahme der Chemotabletten – weich geworden und kann die Zähne nicht mehr richtig halten. Durch die leichte Bewegung beim Kauen hat sich der Kiefer unter dem Wurzelbereich entzündet. Ob nach Abheilung der Entzündung meine Zähne jemals wieder fest werden, kann noch nicht abschließend gesagt werden. Die Entzündung ist mittlerweile abgeklungen und nächste Woche überlege ich mir gemeinsam mit meinem Zahnarzt (oder eher umgekehrt, mein Arzt mit mir), ob und wie es eine Möglichkeit gibt, die weitere Erweichung meines Kieferknochens und den Verlust meiner Zähne zu verhindern. Wenn das alles nicht funktioniert, bleibt nur eine Zahnprothese. Es handelt sich wirklich um kerngesunde Zähne, ohne eine Füllung oder dergleichen.

Ganz ehrlich weiß ich manchmal nicht, was schlimmer ist, der blöde Krebs oder die ganzen Begleiterkrankungen, die durch ihn verursacht werden.

Nichts mit meinem Gesundheitszustand zu tun hat ein weiteres kleines Drama, welches für uns damit aber leider auch nicht weniger einschneidend war.

Unser geliebter kleiner Smarti hat uns verlassen. Tapfer hat er alle unsere Gartenpflanzen transportiert, bei unserem Umzug sein Bestes gegeben, den Hund, uns sowie meine Mutter klaglos zu etlichen Arztbesuchen kutschiert und in den letzten vier Jahren so vieles mehr mit uns durchgestanden. Gerade noch hat der TÜV ihm ein noch mindestens zwei Jahre andauerndes Leben auf Deutschlands Straßen gestattet. Er durfte auf bequemen neuen Ganzjahresreifen über die Straßen rollen und neue Bremsen hatten wir ihm auch gegönnt. Man könnte also sagen, er wurde von uns gehegt und gepflegt. Schließlich war er ja auch der einzige fahrbare Untersatz unserer kleinen Familie und wurde dringend täglich benötigt.

Und dann, von einer Sekunde auf die andere, verlässt er uns. Qualmend, stinkend und ohne Beschleunigungsmöglichkeit war er noch so fair und brachte mich bis auf unseren Parkplatz. Der Turbolader wollte nicht mehr und hat seinen Dienst quittiert. Zusätzlich bestand der Verdacht auf Motorschaden. Die Werkstatt unseres Vertrauens riet uns dringend von einer Reparatur ab, da nicht sicher war, ob der Wagen überhaupt zu retten war oder was als nächstes kaputt gehen würde.

Gerade hatten wir uns finanziell ein wenig erholt, standen wir nun wieder vor dem Problem, woher nehmen wir das Geld. Ein Auto brauchen wir zwingend, gerade hier auf dem Dorf. Und wieder hat uns die Unterstützung der Community gerettet. Durch die Hilfe zahlreicher Menschen, unserer Freunde und meiner Schwiegereltern konnten wir uns einen günstigen 16 Jahre alten Mazda mit fast zwei Jahren TÜV und geprüfter Fahrtauglichkeit kaufen. Es wird etwas dauern, bis ich den kleinen so lieb habe, wie unseren Smarti. Aber er hat durchaus Potenzial die Lücke zu füllen 😉

 

 

Er ist doch wirklich ganz süß unser Mazdi
(hört sich definitiv blöder an als Smarti… 😀 )

 

 

 

 

 

 

An dieser Stelle noch einen ganz dicken Drücker und tausend Dank an meine beiden Nachbarinnen, die uns, wann immer wir sie brauchten, ihre Autos geliehen haben.

Das war es jetzt erst einmal mit der Zusammenfassung unserer letzten Wochen in Kurzform. Ich bemühe mich, jetzt wieder öfter zu schreiben. Dann sind nicht nur die Texte kürzer, die Ihr lesen müsst, Ihr habt dann auch wieder die Gelegenheit zeitnaher an den Geschichten meines Lebens teilzunehmen.

2 Replies to “Die letzten Wochen im Zeitraffer”

  1. Man, du läßt aber auch nix aus!!🙄
    Ich hasse den Zahnarzt auch, freue mich dennoch über kompetente Mediziner, die mein Vertrauen verdient haben.
    Aber wie ich es deinen Zeilen entnehmen kann, läuft alles irgendwie in eine richtige Richtung! Wichtig ist in erster Linie, dass das mit der Gesundheit in den Griff zu bekommen ist! Und für das `Drumherum hast du ein tolles Umfeld!! Das ist Reichtum!! Ich wünsche dir alles erdenklich Gute!! LG aus Berlin

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